tragikdeslebens

Glück. Und Unglück. Und das Leben dazwischen.


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Suchmaschine

Dein ganzes Leben rennst du hinter ihm her, du hältst überall Ausschau nach ihm, wühlst in den Truhen der Erinnerung und spähst aus dem Fenster, das dir die Zukunft zeigt. Du bist Jäger und Sammler zugleich. Du bist eine atmende, eine atemlose Suchmaschine. Das Wissen der gesamten Welt steht dir zur Verfügung, doch diese eine Sache, die du wirklich willst – dazu finden sich keine Treffer. Aber dann, du hast fast schon aufgegeben, entdeckst du es plötzlich. Fast wärest du darüber gestolpert, fast hättest du es mit dem Fuß weggetreten. Unscheinbar sieht es aus, die Verpackung leicht beschädigt, der Name des Absenders kaum lesbar. Das ist es also. Das Glück.


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Zwei Schwestern

Angst und Hoffnung sind zwei Schwestern, nicht voneinander zu trennen. Die Eine gibt es nicht ohne die Andere, und ihre Anhänglichkeit bringt uns dazu, beide zu meiden. Wir laden sie aus, wir wechseln vor ihnen die Straßenseite, wir wollen nicht mit ihnen im Supermarkt zusammentreffen.

Es ist bequem in der eigenen Komfortzone. Man schiebt den Sessel an das Fenster, blickt nach draußen, schüttelt belustigt den Kopf über die Menschen, die sich bei Sturm vor das Haus trauen. Doch der Sessel ist nicht unser Leben, auch nicht das Fenster. Wind und Regen sind es, Sonne und sternenklare Nächte.

Ich will das Leben. Ich will den Sturm in meinem Gesicht spüren. Ich will beiden Schwestern begegnen, ich will Hoffnung, auch wenn es nicht ohne Angst geht.

Ich will lieben.


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was es ist

Wir sind endliche Wesen. Wir sind begrenzt in Raum und Zeit. Dass es ein Ende geben wird, steht von Beginn an fest. Unsere Aufgabe ist es, das große Dazwischen zu nutzen, nicht rein egoistischen Eitelkeiten hinterher zu rennen, sondern etwas aus unserer Existenz zu machen, vielleicht sogar etwas Gutes.
Wir alle wissen das, und doch stehen wir jedes Mal wieder fassungslos voreinander, wenn der Tod seine unveräußerlichen Rechte geltend macht und jemanden aus unserer Mitte reißt.

Als endliche Wesen können wir nicht alles wissen. Wir verfügen über eine grobe Skizze, wie das Universum sein mag. Wir haben ein löchriges Regelwerk, das uns die meisten Phänomene erklärt.
Ich bilde mir viel auf mein naturwissenschaftliches Weltbild ein, aber manchmal versagen Logik und Vernunft. Es gibt bestimmte Menschen, bestimmte Momente, und in ganz seltenen, sehr kostbaren Fällen trifft alles aufeinander. Und dann weiß ich, der ich niemals alles wissen werde, dass da mehr ist.

Danke L., dass es dich gab. Danke C., dass es dich gibt.


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Punkte

Was ist die Liebe?

So viele Menschen haben sich an einer Definition dessen versucht, was wir gemeinhin als Liebe bezeichnen. Alle lagen sie damit gleichermaßen richtig und falsch – richtig, weil ihre Ansätze durchaus gut waren, falsch, weil sie immer nur einen winzigen Teil, einen ganz bestimmten Aspekt des Phänomens im Blick hatten.

Vielleicht ist die Liebe ein Kunstwerk, Stilrichtung Pointillismus. Wenn wir lieben, wenn wir unser verletzbares Inneres einem anderen Menschen darbieten und unser eigenes Glück, unsere emotionale Souveränität zurückstellen, dann sind wir zu dicht an der Materie. Unser Blick ist unscharf, wir nehmen nur einzelne Punkte war, nicht das big picture dahinter. Erst mit einem gewissen Abstand – zeitlich wie räumlich – erkennen wir die ganze Komposition und ihre überragende Schönheit. Manchmal freilich ist es dann zu spät. Das Werk ist längst aus der Mode, die Ausstellung geschlossen, das Publikum spricht bereits über andere Zeitgenossen und ihre hoffnungsvollen Versuche, die Kunst wieder einmal zu revolutionieren.

Eine späte Erkenntnis muss nicht zwangsläufig mit nachträglicher Verklärung einhergehen. Eine Gewissheit ist nicht darum schlecht, weil wir sie erst nach Monaten oder gar Jahren erlangten. Doch manchmal wäre es hilfreich, die einzelnen Punkte, auch die nicht so schönen, frühzeitig als Teil eines ganzen Gemäldes wahrzunehmen. Den Mut zur Gegenwart zu haben. Und zu sagen, dass man einander liebt … vielleicht auch über das Ende der Ausstellung hinaus.


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Sonntagebuch

Die vergangene Nacht hielt nicht sonderlich viel Schlaf für mich bereit, sodass ich – für einen Sonntag ungewohnt – sehr früh das Bett verließ. Ich setzte mich auf mein Rad und fuhr durch menschenleere Straßen, die Sonne ging gerade auf. Keine Autos. Keine Fußgänger. Keine in ein Gespräch vertieften, im Weg stehenden Rentner, die sonst immer mein Klingeln ignorieren. Keine Kinder, die ganz Fahrschul-klischeehaft einen Ball auf die Fahrbahn rollen ließen.

Für einen kurzen Moment fragte ich mich, ob ich es nun tatsächlich geschafft hätte, der letzte Mensch auf der Welt zu sein. Als Einziger noch über die Kruste unseres geschundenen Planeten zu irren, während die Anderen längst durch den Notausgang verschwunden waren, an irgendeinem extraterrestrischen Sammelplatz vereint. Das Tagebuch der Anne Frank kam mir in den Sinn, ihre letzte Eintragung: „Wie könnte ich sein, wenn es keine anderen Menschen gäbe?“
Lange dachte ich darüber nach, bis ich endlich einen Hundebesitzer entdeckte, dessen Terrier sich gerade an einer Telefonzelle erleichterte.

Vielleicht ist die Antwort ganz banal, so banal wie Hunde-Urin an einem Fernsprecher. Ich könnte nicht anders sein, nicht besser, nicht schlechter.
Wenn es keine anderen Menschen gäbe, könnte ich überhaupt nicht sein.


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Nach der verlorenen Zeit

Menschen können unberechenbar sein, aber sind sie wirklich frei? Könnten sie sich tatsächlich anders entscheiden, wenn sie von ihrer Zukunft wüssten? Würden sie nicht völlig resignieren angesichts der Aufgaben und Schicksalsschläge, die sich vor ihnen auftürmten und das wahre Glück im Vergleich dazu lächerlich gering erscheinen ließen?

Was, wenn eines Morgens eine Zeitmaschine am Ende der eigenen Straße stünde? Fußgänger würden auf dem Weg zum Bus an ihr vorüberziehen, verwunderte Blicke in den Gesichtern. Hunde würden ihr Revier an ihr markieren. Wer ginge hinein, um das Kommende zu Erfahren und zu erkennen, wie irrtümlich vielleicht der große Lebensentwurf ist? Irgendwann käme ein Wagen der Stadtreinigung, würde die ungenutzte Zeitmaschine aufladen und zur Verschrottung bringen.
Wir wollen vorher nichts von dem Stein erfahren, über den wir dennoch stolpern werden. Wir wollen die Zukunft nicht wissen. Wir wollen sie erleben.


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Die neue Ernsthaftigkeit

Früher, ja, da schien alles so leicht – und war es genau deshalb auch. Man nahm Abschiede nicht schwer, da stets neue Begrüßungen lauerten, man fürchtete die Nacht nicht, weil ein weiterer Tag voller Abenteuer schon bereitstand.

Nun ist alles so Ernst. Wunden, die man sich oder anderen Menschen zufügt, verheilen nicht mehr spurlos, es bleiben Narben zurück, bis an das Ende unserer Leben. Entscheidungen werden getroffen, die für Jahre und Jahrzehnte eine Richtung vorgeben, sei es auch eine Falsche. Wo einmal ein optimistisches „Es kann nur besser werden“ stand, findet sich heute kaum mehr als eine vorsichtige Konservierung des Irgendwie-Erreichten. Wir wohnen. Wir leben nicht. Dies ist das Land der ungenutzten Möglichkeiten.

Gestern entdeckte ich während des Sortierens meiner Einkäufe eine lächerlich kleine Dose Mais, deren Haltbarkeit genau an dem Tag endet, an dem ich 30 Jahre alt werde. Ich habe diese Dose minutenlang betrachtet. Ich glaube nicht, dass ich sie je öffnen werde.